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Dropshipping – solides Geschäftsmodell oder unseriös?

Einen Online-Shop aufsetzen, ein günstiges China-Produkt auf Aliexpress finden, das Produkt teuer in Europa und den USA verkaufen und mit wenig Aufwand und Kapital schnell reich werden. So oder so ähnlich klingen viele der Versprechen von selbsternannten „Dropshipping-Gurus“ der „get-rich-quick“-Communities auf YouTube oder Facebook. Doch was steckt wirklich hinter Dropshipping? Kann man mit Dropshipping langfristig ein erfolgreiches Unternehmen aufbauen oder ist der Hype um Dropshipping ausschließlich für die Gurus lukrativ?

Was ist Dropshipping?

Dropshipping (auf Deutsch: Streckengeschäft) bedeutet, dass der Betreiber des Online-Shops die Ware erst beim Lieferanten kauft, sobald er sie an den Endkunden verkauft hat. Der Käufer erhält die Ware direkt vom Hersteller und der Online-Shop ist in der Regel nicht in die Lieferkette eingebunden.

Dadurch erspart man sich als Dropshipper nicht nur die Vorabfinanzierung der Waren und Lagerkosten sondern kann auch die gesamte Logistik des Versands an den Hersteller auslagern.

Dropshipping Modell – Copyright: Zeitgeist

Wie funktioniert Dropshipping in der Praxis?

Um mit Dropshipping langfristig Gewinn erwirtschaften zu können, müssen die Produkte natürlich teurer verkauft werden, als sie gekauft werden. Die Gewinnmarge muss also groß sein, um die Kosten für Shop, Marketing, Steuerberater und Co. decken zu können. In Zeiten, wo identische Produkte von vielen unterschiedlichen Anbietern online verkauft werden und ein enormer Preiskampf herrscht, ist das kein einfaches Unterfangen.

Daher haben sich in den letzten Jahren die Dropshipper fast ausschließlich auf den Import billiger, chinesischer Produkte von Aliexpress (chinesisches Pendant zu Amazon) spezialisiert. Die Preise für die Waren sind meist weit unter Weltmarkt-Niveau und erlauben als Händler Gewinnmargen von 100% und mehr.

Sobald ein passendes Produkt zum dropshippen gefunden wurde, muss ein Online-Shop erstellt werden. Mit Shopify gibt es dafür einen Anbieter, bei dem es möglich ist, schnell und ohne Kenntnisse einen professionell wirkenden Store zu erstellen. Durch diverse Apps und Plug-ins, die speziell für Dropshipper entwickelt wurden, lässt sich der gesamte Prozess automatisieren und bietet daher das Grundgerüst für Dropshipping.

Nachdem ein Shop aufgesetzt wurde, wird das Produkt in der Regel auf Facebook und Instagram beworben, um Verkaufe erzielen zu können. Sobald man die richtigen Einstellungen für die Ads gefunden hat, muss man nur noch das Budget in die Höhe schrauben und der Online-Shop skaliert fortan von allein. Wenn man alles richtig macht, erwirtschaftet man schon ab Tag 1 Gewinn – so zumindest die Theorie.

Die Funktion der Gurus

Genau hier kommen die „Dropshipping-Gurus“ mit ins Spiel. In vielen Youtube-Tutorials und Facebook-Gruppen erklären sie Startern die Dos und Don’ts des Dropshipping, erläutern detailliert ihre Strategien und präsentieren stolz ihre Umsatzzahlen. Sie wollen jungen Leuten zur finanziellen Freiheit verhelfen und behaupten mit Dropshipping würden sich bei einem Arbeitsaufwand von 4 Stunden pro Woche Gewinne von 2.000 EUR und mehr pro Woche realisieren lassen.

Wirklich hilfreiche Unterstützung bieten allerdings nur die wenigsten in ihren frei verfügbaren Videos. Sie dienen lediglich dazu, ihre persönliche Brand zu festigen. Das müssen sie auch, um Kurse & Seminare mit den Geheimnissen des Dropshippings für mehrere hunderte oder tausende Euro anbieten zu können. Abgerundet wird das Angebot der Gurus mit teuren E-Books oder 1-on-1-Coachings zu Stundensätzen, bei denen sich selbst McKinsey Berater die Augen reiben.

Ob diese Kurse einen Mehrwert bieten, den dieser Preis rechtfertigen kann, möchte ich an dieser Stelle ganz klar in Frage stellen. Es sei nur gesagt, dass viele der Dropshipping-Gurus mit ihren Kursen und Coachings mehr verdienen als mit ihrem eigenen Shop.

Der Nachteil von Dropshipping

Dass dann aber doch nicht alles so einfach ist, wie es auf den ersten Blick scheint, verschweigen die „Experten“ gerne. Während das Dropshippen zwar viele Vorteile bietet, sind damit auch mindestens genauso viele Nachteile und Hürden verbunden.

Der größte Nachteil ist ganz klar die Lieferzeit. Da die Produkte aus China importiert werden, ist mit einer durchschnittlichen Lieferzeit von mindestens 3 Wochen zu rechnen. Selbst bei Express-Lieferungen sind Versandzeiten von weniger als einer Woche einfach nicht möglich. Es stellt sich also die Frage, wer solche Lieferzeiten in 2020 in Kauf nimmt, wenn man das selbe Produkt auch auf Amazon von einem Großhändler mit Lager in Europa kaufen kann und die Lieferung am nächsten Tag erhält. Einige Dropshipper geben daher bewusst keine Lieferzeiten an oder verstecken diese auf der Website geschickt. Das böse Erwachen der Käufer erfolgt dann erst mit der Bestellbestätigung.

Ein weiterer Nachteil ist die schlechte Qualität der Produkte und die Qualität des Versandes. Als Dropshipper hat man keinen Einfluss darauf, wie die Produkte vom Hersteller versendet werden. Eine billige oder nicht sachgemäße Verpackung spricht nicht von hoher Qualität. Das sorgt beim Unboxing der Kunden schnell für Enttäuschung und Realisierung, dass man zu viel für das Produkt bezahlt hat.

Das Handling der Retouren ist für viele Dropshipper auch ein großes Problem. Der Versand zurück nach China ist meist unwirtschaftlich – also wird in den meisten Fällen den Kunden einfach der Kaufpreis erstattet. Hohe Retourenquoten fressen dann schnell den eigentlichen Gewinn auf.

Zudem hat man als Dropshipper kein wirkliches Alleinstellungsmerkmal gegenüber Händlern, die dasselbe Produkt anbieten. Warum sollte der Kunde im Dropshipping-Shop kaufen und nicht bei anderen Händlern mit etablierter Marke oder größerer Bekanntheit?

Aber es gibt noch mehr Nachteile. Dass man als Importeur für die importierten Produkte aus Drittländern voll haften kann, ist den wenigsten Dropshippern wirklich bewusst. Bei fehlerhaften Elektronik-Produkten oder Kinderspielzeugen mit fehlenden Zertifizierungen kann der eigene Dropshipping Store schnell zur Existenzbedrohung werden.

Auch die ökologische Komponente sollte man beim Dropshipping im Hinterkopf behalten. Der Klimawandel wird in der Gesellschaft immer bewusster wahrgenommen und für viele Käufer ist es moralisch nicht mehr vertretbar, ein Paket um die ganze Welt versenden zu lassen.

Dropshipping aus China kein Geschäftsmodell

Es mag sein, dass einige trend-affine Dropshipper mit ständig neuen Produkten und Shops auch hohe Gewinne erzielen können. Aber das geht fast immer auf Kosten der Endkonsumenten.

Langfristig gesehen kann man allein deshalb, aber auch aufgrund der vielen Nachteile, die mit den Dropshipping von chinesischen Billig-Produkten verbunden sind, meiner Meinung nach kein nachhaltiges und auch kein erfolgreiches Unternehmen aufbauen.

Wie Dropshipping trotzdem funktionieren kann

Das heißt allerdings nicht, dass jede Form von Dropshipping grundsätzlich zu verneinen ist. Das börsennotierte Unternehmen Wayfair verkauft z.B. ausschließlich Dropshipping-Produkte und konnte damit im letzten Jahr einen Umsatz von mehr als 9 Mrd. Dollar bei knapp 12.000 Beschäftigten erwirtschaften. Aber auch der Möbelriese IKEA setzt bei Teilen des Sortiments auf Dropshipping.

Wie kann mit Dropshipping also ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut werden?  Für mich ist es eigentlich ganz klar: Das gesamte Geschäftsmodell steht und fällt mit dem Produkt und dem Hersteller. Wer einen zuverlässigen Hersteller mit einem qualitativ hochwertigen Produkt findet, kann einen teuren Preis rechtfertigen und kann dem Endkonsumenten ein ansprechendes Kauferlebnis bieten. Zudem eröffnen sich zahlreiche Geschäftsmöglichkeiten, mit denen man nachweislich langfristig erfolgreich sein kann.

Erfolgsmodelle

Besonders lukrativ könnte z.B. ein Shop sein, in dem man heimische Nischen-Produkte in den internationalen Markt exportiert oder den kompletten Vertrieb eines Produzenten übernimmt. So entsteht oft eine Win-Win-Situation für Hersteller und Dropshipper. Der Hersteller kann sich auf das Produzieren der Waren fokussieren und kann den Vertrieb an den Dropshipper auslagern. Die Expertisen beider Partner können ideal eingesetzt werden und man kann hochwertige Produkte in der ganzen Welt bekannt machen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist das Tiroler Lifestyle-Bike, das Marketing & Vertrieb an einen südtirolerischen Partner abgegeben hat.

Eine weitere Möglichkeit wäre es, sich exklusive Vertriebsrechte für gewisse Märkte oder Länder zu sichern. Dadurch können neuartige oder etablierte Produkte ohne unmittelbare Konkurrenz in anderen Ländern bekannt gemacht werden.

Auch Privat-Labeling könnte eine interessante Möglichkeit für Dropshipping sein. Wichtig ist, einen Produzenten zu finden, der sich auch bereit erklärt, sein Produkt unter der Marke des Dropshippers zu vertreiben. Besonders die Dropshipper mit großer Marketing-Erfahrung können beim Privat-Label eine eigene Brand am Markt etablieren und damit langfristig erfolgreich werden.

All diese Möglichkeiten setzen natürlich voraus, dass man passende Hersteller findet. Normalerweise findet man diese Hersteller aber nicht in einer schnellen Google-Recherche, sondern muss sich intensiv mit einem Produkt, dem Markt und den damit verbunden Chancen und Risiken auseinandersetzen.

Zudem muss man über umfangreiches Marketingwissen verfügen und die richtige Strategie für den Verkauf des Produkts wählen. Nicht zu vergessen sind auch ein reibungsloser und schneller Customer Support. Das erfordert nicht nur viele Überlegungen und konkrete Pläne, sondern vor allem auch viel Zeit.

Fazit

Und damit ist klar: Erfolgreiches Dropshipping ist doch nicht so einfach, wie man denkt und wie es gerne erzählt wird. Man wird nicht über Nacht reich und es ist nicht der schnellste Weg zur finanziellen Freiheit. Das Geschäftsmodell per se hat Vor- und Nachteile, aber es hat definitiv seine Berechtigung.

Es wird jedoch nur ein guter Unternehmer, der unternehmerisch handelt und denkt, der sich von der Konkurrenz durch USPs klar differenzieren kann und der viel Zeit in die perfekte Umsetzung steckt, langfristig mit Dropshipping erfolgreich werden.

Dieser Unternehmer würde aber auch mit allen anderen Geschäftsmodellen erfolgreich werden.

Stefan Zangerle
Er ist passionierter Serial-Entrepreneur & Digitalunternehmer. Als Managing Director & Founder von zanmedia hilft er Startups beim Skalieren. Er ist zudem CEO & Co-Founder des PropTechs Flaterio und Partner des Recruiting Startups REKUNO.

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